Kaum eine Wirtschaftsdebatte kommt derzeit ohne einen Abgesang auf den Liberalismus aus. Handelskriege, Chinas Marktmacht, Amerikas Alleingänge unter Trump – die Botschaft vieler Ökonomen und Politiker lautet: Die Zeiten der freien Märkte sind vorbei, jetzt braucht es einen Staat, der eingreift, lenkt und schützt. Klingt logisch. Ist aber, wenn man genauer hinschaut, ein teurer Irrtum.
Warum gerade jetzt alle den Staat als Retter feiern
Die Welt fühlt sich unruhig an. Russland bedroht Europa militärisch, China spielt wirtschaftlich seine Muskeln aus, die USA unter Trump verhängen Zölle nach Belieben. In so einer Lage will niemand als naiv dastehen – schon gar nicht Politiker und Wirtschaftsexperten. Also wird gehandelt. Subventionstöpfe werden aufgemacht, Zölle erhoben, „Industriepolitik“ und „Souveränität“ zu neuen Lieblingswörtern der Debatte.
Das Problem: Nur weil ein Wort gut klingt, löst es noch kein wirtschaftliches Problem. Wer glaubt, mit genug staatlichem Geld ließe sich jede Schwäche wettmachen, ignoriert eine unbequeme Wahrheit – die sich in Deutschland gerade schmerzhaft zeigt.
Acht Jahre Stillstand als Warnsignal
Die deutsche Wirtschaft ist in den letzten acht Jahren so gut wie nicht gewachsen. Unternehmen investieren zu wenig, das Wachstumspotenzial dümpelt nahe null. Die Ursache liegt nicht allein in der aufgewühlten Weltlage – sie liegt auch im eigenen Land. Der Staat mischt sich immer mehr in einzelne Branchen und Projekte ein, vernachlässigt aber seine eigentlichen Aufgaben: gute Schulen, funktionierende Verwaltung, innere Sicherheit, solide Staatsfinanzen.
Das Ergebnis ist paradox: Ein Staat, der überall mitmischt, wirkt stark – ist es aber nicht. Wer keine verlässlichen Regeln mehr bietet, auf die sich Menschen und Firmen einstellen können, produziert vor allem eines: Unsicherheit. Und diese Unsicherheit treibt Wähler in die Arme von Populisten, die einfache Antworten auf komplizierte Probleme versprechen.
Zwei Beispiele, die jeder versteht
Zölle auf chinesische Autos. Klingt erst mal vernünftig – schützt schließlich die heimische Industrie vor unfairer Konkurrenz. Doch wer zahlt am Ende drauf? Der Verbraucher, der ein günstigeres Auto nicht mehr kaufen kann. Wenn China Waren unter Herstellungskosten verkauft, ist das aus Käufersicht schlicht ein Geschenk. Ärgerlich für die Industrie, aber gut für den Geldbeutel der Kundschaft.
Ariane gegen SpaceX. Europa hat jahrzehntelang mit Steuergeld eine eigene Raumfahrtindustrie aufgebaut – das Ariane-Programm. 2017 hat das private US-Unternehmen SpaceX von Elon Musk Europa als Marktführer für kommerzielle Satellitenstarts überholt. Ein Lehrstück dafür, dass staatlich gelenkte Großprojekte oft langsamer und teurer sind als private Innovation, wenn diese im Wettbewerb steht.
Was echte Souveränität bedeutet
Hier liegt der eigentliche Denkfehler vieler Industriepolitik-Fans: Sie verwechseln Souveränität mit Autarkie. Die Vorstellung, Europa müsse alles selbst herstellen können – von Chips über Batterien bis zu Raketen – um „unabhängig“ zu sein, ist realitätsfern. Kein Land der Welt kann das leisten, und der Versuch kostet vor allem eines: sehr viel Geld, das an anderer Stelle fehlt.
Die klügere Alternative: Europa konzentriert sich auf das, worin es wirklich stark ist, und bringt genau dieses Gewicht in Verhandlungen mit den USA und China ein. Nicht Abschottung schafft Stärke, sondern Wettbewerbsfähigkeit. Ein funktionierender europäischer Kapitalmarkt zum Beispiel, der heimischen Start-ups eine echte Perspektive bietet, wäre dafür weit wirkungsvoller als jede neue Subvention – wird aber seit Jahren politisch blockiert.
Das Fazit für den Alltag
Niemand bestreitet, dass sich die geopolitische Lage verändert hat und Politik darauf reagieren muss. Aber die Antwort darauf ist nicht, jahrzehntelang bewährte wirtschaftliche Grundregeln über Bord zu werfen. Freier Handel, verlässliche Regeln und ein Staat, der seine Kernaufgaben ernst nimmt, statt sich in Symbolpolitik zu verlieren – das ist am Ende nicht nur ökonomisch klüger, sondern auch das beste Mittel gegen die Politikverdrossenheit, die den demokratischen Rand stärkt.
Der Liberalismus ist also nicht tot. Er wurde nur eine Weile nicht gehört.
Dieser Beitrag basiert auf einer Analyse von Gerald Braunberger, erschienen am 23.08.2026 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Warum der freie Markt noch nicht ausgedient hat

